Lena Haas-Möldner,
Team von Kommune Inklusiv besucht Geflüchtete im Schönblick

Interviewtermin im Mai gibt Geflüchteten aus der Ukraine und Projektmitarbeitenden die Möglichkeit sich auszutauschen

Mit kleinen Geschenken und einer lieben Dolmetscherin an der Seite haben wir uns an einem Vormittag im Mai auf den Weg zum Schönblick gemacht, um die Menschen, die im Schönblick eine Unterkunft gefunden haben, zu treffen. Wir waren überwältigt von der Anzahl an Personen, die bereit waren, sich Zeit für uns zu nehmen und von ihrer Offenheit, uns ihre Geschichten zu erzählen.

Am 02. März 2022 kamen insgesamt 35 Personen mit und ohne Behinderungen aus der Ukraine im Schönblick an. Darunter Natalia und Serhii, die in der Ukraine das Rehabilitationszentrum „Agape“ ins Leben gerufen haben. Durch die Folgen eines schweren Autounfalls blieb Natalia gelähmt. Durch ihre Körperbehinderung musste die junge Mutter erfahren, wie schwierig es ist, in der Ukraine mit einer Behinderung zu leben. Entschlossen anderen Menschen mit Behinderung zu helfen, nahm sie Kontakt zu einer Kirche auf, mit der Bitte, sie und ihren Mann bei dem Aufbau eines Rehabilitationszentrums zu unterstützen. So gründeten sie 2016 die Non-Governmental Organization (Nichtregierungsorganisation) „Agape“ in der Stadt Luzk. Ziel des Zentrums ist es Alltagsstrukturen zu schaffen und Menschen mit Behinderung maximal mit einzubeziehen. Vielen Menschen konnten sie seitdem helfen. Zuletzt den vielen Menschen mit Behinderung um sie herum, denen sie zur Flucht nach Deutschland verholfen haben. Aus dem Rehabilitationszentrum ist nun eine Flüchtlingsunterkunft geworden. Über 1000 Menschen konnten sie mittlerweile von dort aus zur Flucht in europäische Länder verhelfen.

Den Schönblick und Schwäbisch Gmünd hatten Natalia und Serhii bereits vor einigen Jahren kennengelernt. Damals war der Anlass ein fröhlicher: der Schönblick veranstaltete vor neun Jahren eine Konferenz und einen großen Gottesdienst für Menschen mit Behinderungen aus vielen europäischen Ländern. Unter den Teilnehmenden waren damals auch sie.

Neben den Gründern von „Agape“, Natalia und Serhii, durften wir bei unserem Treffen im Schönblick noch Sasha, Roman, Julia, Oleksandr und die junge Familie von Viktoria und Sergei kennenlernen. Außer Sasha, der bis zu seiner Flucht glaubte, außer ihm habe niemand eine Behinderung, kannten sich alle aus dem Rehabilitationszentrum in Luzk. Sasha muss lachen als er uns erzählt, dass er sich als schwarzes Schaf fühlte. Erst hier hat er andere Menschen mit Behinderung getroffen, denen es ähnlich geht. Der 48-Jährige ist dankbar für die vielen netten Begegnungen und die Hilfen, die er jeden Tag erfahren darf. „Ich liebe deutsche Menschen“ sagt er zum Schluss und verabschiedet sich frühzeitig, um wieder am Sprachkurs teilnehmen zu können.

Dann unterhalten wir uns mit Roman (25 Jahre) aus der Stadt Luzk, der uns erzählt, dass er in der Ukraine in einem Haus, dem wahrscheinlich längsten Haus der Welt wohnte, das wie ein Labyrinth aussieht. Das Gebäude war nicht behindertengerecht, hatte keine Fahrstühle und er wohnte im 3. Stock mit seiner Familie. Nach einem Autounfall in 2016 ist der junge Mann auf den Rollstuhl angewiesen. Um das Haus verlassen zu können, war er auf die Hilfe von Freunden angewiesen. Vor der Flucht arbeitete er in einem großen Postunternehmen. Nun versucht er sich in einem neuen Leben in Deutschland zurechtzufinden. Auch Julia (31 Jahre) ist durch eine Halswirbelverletzung seit 10 Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. Die ersten Jahre nach ihrem schweren Autounfall wurde sie von ihrem Bruder und ihren Eltern gepflegt, bevor sie vor 5 Jahren in dem Rehabilitationszentrum einzog. Ihre Mutter hat sie nach Deutschland begleitet und hilft ihr nun im Alltag. Ihr Vater und ihr Bruder sind in der Ukraine geblieben. Sie erzählt uns wie schwierig es ist für Menschen mit einer Behinderung in der Ukraine eine Arbeit zu finden. Auf unsere Frage nach der Zukunft, berichtet sie uns, dass es schwierig ist momentan an die Zukunft zu denken. Sie möchte so schnell wie möglich nach Hause zu ihrer Familie und ihren Freunden und wartet bis der Krieg vorbei ist.

Dann dürfen wir Oleksandr (42 Jahre) Fragen stellen und uns mit ihm unterhalten. Er ist der Sportler des Zentrums und spielt Tischtennis. Auch er ist durch einen Sportunfall in 2014 körperbehindert und auf den Rollstuhl angewiesen. Im Rehabilitationszentrum hat er seine Leidenschaft für das Tischtennisspielen entdeckt und sich mit Unterstützung eines Trainers auf die paralympischen Spiele vorbereitet. Nun sucht er hier eine neue Möglichkeit aktiv zu bleiben. Oleksandr berichtet uns, dass die Ukraine sich in Sachen Behindertenhilfe in der Entwicklungsphase befindet und seinen Blick nach Deutschland richtet. Er freut sich über die Möglichkeiten, die ihm hier in Schwäbisch Gmünd geboten werden. Er kann selbstständig mit dem Bus in die Stadt fahren. Das war in der Ukraine nicht möglich. Seine Träume bleiben bessere Bildungschancen und bessere Teilhabechancen für Menschen mit Behinderungen. Auch Viktoria (29 Jahre) und ihr Mann Sergei (32 Jahre) sind mit ihrem 2-Jährigen Sohn aus der Ukraine geflohen. Viktoria, selbst mit einem offenen Rücken geboren und seit der Geburt auf einen Rollstuhl angewiesen, arbeitete vor ihrer Flucht als Ergotherapeutin im Rehabilitationszentrum. Auch Sergei arbeitete dort. Als Kind lebte Viktoria im siebten Stock eines Hochhauses. Vier Jahre funktionierte der Fahrstuhl nicht und so mussten die Lehrer zu ihr nach Hause kommen. Viktoria berichtet uns, dass auch im Februar alle Fahrstühle im Land abgeschaltet wurden, als der Krieg begann.

Das Rehabilitationszentrum „Agape“ war für sie alle die Anlaufstelle. Von hier aus sind sie gemeinsam nach Schwäbisch Gmünd geflohen. Serhii berichtet uns noch über den Alltag im Schönblick, dass sie alle von morgens bis abends beschäftigt seien – 80% so schätzt er, seien die weiterhin mit der Pflege beeinträchtigter Menschen beschäftigt, die Kinder gehen zur Schule, andere arbeiten noch für ihre Unternehmen, helfen im Garten und im Haushalt und besuchen Sprachkurse. Ihm ist es wichtig zu sagen, wie dankbar sie alle sind, so freundlich empfangen worden zu sein.

Trotz aller Geschehnisse und tragischer Geschichten lachen wir an diesem Vormittag viel, sind froh einander getroffen zu haben, tauschen Handynummern und E-Mail-Adressen und versprechen einander in Kontakt zu bleiben. Die App „Sayhi“, die uns Natalja Betz, unsere Dolmetscherin an diesem Morgen, empfiehlt, hat uns die letzten Wochen die Verständigung einfacher gemacht. Wir, die Mitarbeitenden des Projektes Kommune Inklusiv, danken allen, die dieses Treffen möglich gemacht und unterstützt haben.

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