Sandra Sanwald,
Gleichstellungstag in Zeiten von Corona

In diesem Jahr wollten wir am 7. Mai in der Gmünder Volkshochschule, mit einem DJ, eine Afterworkparty für ALLE feiern. Tags darauf, am 8. Mai, wollten wir unseren, mittlerweile traditionellen, Inklusiven KICK veranstalten.

Wie derzeit allerorts, mussten wir leider unsere Veranstaltungen absagen. Wir merken dennoch, wie stabil, wichtig und wertvoll unser Netzwerk gerade in dieser Zeit ist. Wir suchen Mittel und Wege um miteinander im Gespräch zu bleiben, uns auszutauschen, und uns gegenseitig zu unterstützen.

Wie sieht die Teilhabe in besonderen Wohnformen dieses Jahr am Gleichstellungstag aus?

Jörg Sadowski, Geschäftsführer der Lebenshilfe Schwäbisch Gmünd e.V., gibt einen Einblick.

 

Herr Sadowski, was hat sich seit Corona im Alltag der Menschen mit Behinderung verändert?

Im Bereich „Wohnen“ haben die Menschen massive Einschränkungen. Soziale Kontakte sind durch die Empfehlung des Besuchsverbotes, und durch die Kontaktsperre, sehr eingeschränkt.  Zudem dürfen sie nicht zum Arbeiten.

Wie sieht derzeit der Arbeitsalltag der Mitarbeiter*innen aus?

Die Mitarbeiter*innen müssen jeden Tag  - vor Dienstantritt - bei sich selbst die Temperatur messen. Beim Arbeiten muss Mund - Nasen -  Schutz getragen werden. Die Mitarbeiter*innen sind sehr angespannt, wegen Infektionsrisiken der Klient*innen.

Wie geht es Ihnen mit der Situation?

Ich habe eine sehr vielschichtige Verantwortung. Ich habe Verantwortung für Mitarbeiter*innen und für Menschen mit Behinderung. Von einem Tag auf den anderen musste der Arbeitsalltag digitalisiert werden, um arbeitsfähig zu bleiben. Natürlich haben Angehörige viele Fragen und Sorgen, ich bin sehr viel mit ihnen in Kontakt. Es ist noch immer nicht geklärt, wie die Mehrbelastung der Mitarbeiter*innen honoriert wird, außerdem mussten verschiedene Bereiche innerhalb der Lebenshilfe geschlossen werden, das bereitet uns finanzielle Sorgen.

Was haben Sie für einen Eindruck wie es den Menschen mit Behinderung geht?

Sie bekommen quasi einen „Lagerkoller“. Menschen, die Schwierigkeiten haben Bedürfnisse zu kommunizieren, entwickeln „Verhaltensauffälligkeiten“, sie zeigen  Autoaggression.

Wie geht es den Mitarbeiter*innen?

Die Mitarbeiter*innen sind stark verunsichert. Dazu kommt, dass sie teilweise, neben ihrer eigenen Mehrbelastung, die Mehrbelastung der Angehörigen mitkompensieren. Die Mitarbeiter*innen belastet, dass die Kommunikation und der Austausch untereinander auf ein Minimum eingeschränkt sind.

Wie erklären Sie den Menschen mit Behinderung was das Covid 19 ist?

Wir verteilen Infoschreiben in leichter Sprache, und wir veranstalten Bewohner*innenkonferenzen, dort erklären wir was Corona ist, und wir greifen Fragen auf. Natürlich erklären die Mitarbeiter*innen ständig  im Alltag individuell entsprechend der Bedarfe  der Menschen mit Behinderung.     

Was würden Sie sich von der Gesellschaft und der Politik wünschen?

Es entsteht der Eindruck, dass Menschen mit Behinderung vergessen werden. Auch in der aktuellen Alltagsheldendiskussion tauchen Mitarbeiter*innen der Behindertenhilfe einfach nicht auf. Die

Politik übernimmt keine Verantwortung, sondern erlässt Empfehlungen. Die Einrichtungen müssen dann die Entscheidungen treffen was vertretbar ist und was nicht.

Mit was motivieren Sie sich in dieser Zeit, und was gibt Ihnen Kraft?

Die Hilfe von vielen Menschen gibt mir Kraft, Menschen die z.B. Mund – Nasen- Schutz nähen oder Schutzausrüstung zur Verfügung stellen. Außerdem die gute Zusammenarbeit innerhalb unserer Einrichtung, und das Engagement und das Durchhaltevermögen der Mitarbeiter*innen. Und vor allem, soweit möglich, der Kontakt zu Klient*innen.

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