Ilsabé von Kalben,
Interview: Meine Arbeit als Schulbegleiterin - Ich bin der Fels in der Brandung

IvK: Frau Sauerbier, Sie sind Schulbegleiterin an der Mozartschule. Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

BS: Viele Jahre habe ich selbstständig oder angestellt in einem Beruf gearbeitet, der mir eigentlich viel Spaß gemacht hat. Aber ich musste immer deutlich mehr Stunden arbeiten, als vertraglich vereinbart waren. Wertschätzung, Lob oder ein Dankeschön für meine Arbeit gab es dafür nicht. Als meine Kinder nicht mehr klein waren, wollte ich mich beruflich verändern und da habe ich eine Stellenanzeige vom DRK gelesen: Schulbegleitung in Teilzeit gesucht. Sofort dachte ich, das ist genau das Richtige für mich. Kindern mit Beeinträchtigung im Schulalltag zu helfen, ist eine großartige Aufgabe.

IvK: Haben Sie dann gleich angefangen?  

BS: Das Vorstellungsgespräch lief super. Ich konnte genügend Erfahrung im Umgang mit Kindern – ich habe selbst drei Kinder großgezogen – vorweisen. Und ich glaube meine Gesprächspartner haben gemerkt, wie motiviert ich bin und ich hatte mich tatsächlich auch schon in verschiedene Krankheitsbilder eingelesen. Mit dem ersten Einsatz hat es leider nicht geklappt, weil die Unterrichtszeiten des Kindes sich nicht mit meiner damaligen Teilzeitarbeit vereinbaren ließen. Da war ich erstmal sehr enttäuscht. Es dauerte dann tatsächlich noch etwas mehr als ein Jahr, bis der Anruf vom DRK kam, dass es einen passenden Einsatz für mich gibt.

IvK: Das ist eine ziemlich lange Zeit. Und hat es dann funktioniert?

BS: Ja, ich saß schon eine Woche später bei der Familie am Tisch, um mich über den Einsatz auszutauschen. Ich lernte die ganze Familie kennen. Das Kind wollte mich zunächst nicht sehen, aber bereits beim zweiten Treffen hat es mir fest in die Augen geschaut, die Hand gegeben und extra für mich seine Polizeistation aufgebaut.

IvK: Mussten Sie eine Weiterbildung machen?

BS: Ich musste einen Erste-Hilfe-Kurs und einen dreitägigen Grundqualifizierungskurs machen. Wir haben viel in Fallbesprechungen über die Arbeit gelernt und auch verschiedene Krankheitsbilder besprochen. Allerdings war das gar nicht so einfach, denn wegen Corona durften zu dieser Zeit keine Kurse stattfinden. Der Grundqualifizierungskurs musste zweimal verschoben werden. Somit musste ich erstmal ohne diese Kurse zurechtkommen.

IvK: Wie sieht denn so eine Woche mit einem Kind in der Schule aus?

BS: Nachdem Ärzte und das Jugendamt 15 Stunden Schulbegleitung in der Woche genehmigt hatten, klärten wir zunächst mit der Klassenlehrerin und den Eltern, zu welchen Zeiten ich das Kind in der Schule begleite. Manchmal sollen nicht alle Fächer begleitet werden. Das Kind und ich treffen uns jeden Morgen im Klassenzimmer an seinem Platz. Ich bin seine Nebensitzerin. Es bereitet alle Schulunterlagen sorgfältig vor und dann fangen wir an zu arbeiten. Ich erledige die Aufgaben nicht für das Kind, sondern helfe ihm dabei, konzentriert zu bleiben und motiviere es zum Schreiben – das mag es nicht, da es ihm durch seine Beeinträchtigung sehr schwerfällt. In den Pausen ist das Kind mit seinen Mitschülern auf dem Hof. Falls es mich braucht, bin ich da. Ich bin sozusagen der Fels in der Brandung und immer zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wird.  Am Ende des Schultages verabschieden wir uns entweder am Klassenzimmer oder bei meinem Auto, da sein Schulweg am Parkplatz vorbeiführt.

IvK: Haben Sie auch Kontakt zu den Eltern?

BS: Oh ja, selbstverständlich. Wir haben eine herzliche und freundschaftliche Beziehung und tauschen uns ganz viel aus. Sie sind dankbar, dass ich ihrem Kind helfe. Am Anfang hatten sie sicher auch Bedenken, denn es war ja schließlich mein erstes Kind als Schulbegleiterin. Wenn es in der Schule mal Probleme gibt, frage ich nach, ob es an dem Tag schon zuhause Schwierigkeiten gab, oder ich erinnere an Klassenarbeitstermine, damit die Familie bei der Vorbereitung helfen kann.

IvK: Das Kind hat eine Autismus-Erkrankung. Woher wissen Sie, wie Sie mit ihm umgehen sollen?

BS: Ich habe mich gleich zu Beginn über das Krankheitsbild informiert. Von den Eltern habe ich ein sehr gutes Buch bekommen und ich habe mir Filme angeschaut. Auch vom DRK bekam ich in der Anfangsphase viel Hilfe. Inzwischen kenne ich meine Grenzen gut und weiß, wann ich mich zurückziehen muss oder wann ich bei Konflikten eingreifen muss. Das Kind kommuniziert sehr häufig über den Mr. Mole. Das ist das Klassenkuscheltier in Form einer Maulwurf-Handpuppe. Neulich sagte es zu mir: „Ich glaube Mr. Mole mag dich!“ Da war ich ganz gerührt, denn das ist ein großer Vertrauensbeweis.

IvK: Und wie sehen die Lehrkräfte Ihre Arbeit bzw. was sagen die MitschülerInnen dazu, dass das Kind eine „Extra-Hilfe“ im Unterricht hat?

BS: Am ersten Einsatztag hatte ich ein Blatt auf meinem Platz, auf dem groß geschrieben stand: „Herzlich Willkommen, Frau Sauerbier, in der Klasse 3b“. Auf der Rückseite war der Stundenplan des Kindes gedruckt. Da habe ich mich gleich richtig wohlgefühlt und gemerkt, dass auch die Lehrkräfte dankbar sind, dass ich da bin und das Kind so im Unterricht besser mitmachen kann. Das Verhalten hat sich im vergangenen Jahr schon deutlich verbessert. Ich wurde auch von den anderen Kindern sehr schnell als Teil der Klasse anerkannt und bei Gruppen- und Bastelarbeiten bin ich dann auch mal für die anderen da. Einige sind manchmal eifersüchtig, wenn ich das Kind zum Beispiel beim Schreiben unterstütze. Das ist ja ganz klar, denn die Krankheit ist nicht sofort zu sehen. Wenn ein Kind mit einer körperlichen Beeinträchtigung Hilfe bekommt, ist den MitschülerInnen gleich klar, warum. Aber weil alle merken, dass es mit meiner Unterstützung besser geht, verstehen sie meine Aufgabe.

IvK: Sicher gibt es auch anstrengende Schultage. Nehmen Sie die Sorgen und Probleme dann mit nach Hause?

BS: Ja, wir haben schlechte Tage – auch wenn sie selten sind. Dann denke ich noch lange darüber nach, aber ich kann mich auch einen ganzen Nachmittag noch über Erfolge freuen. Zum Glück kann ich auch mit meinem Mann sehr gut über meinen Job sprechen, oder ich komme beim Joggen und der Gartenarbeit auf andere Gedanken. Herz und Kopf arbeiten bei dieser Aufgabe sehr eng zusammen.

IvK: Was sind denn aus Ihrer Sicht die wichtigsten Fähigkeiten und Stärken, die ein Schulbegleiter oder eine Schulbegleiterin mitbringen sollte und was macht Sie bei dieser Arbeit glücklich?

BS: Ganz wichtig ist, dass wir uns gut in „unser“ Kind hineindenken können, dass wir über seine Krankheit informiert sind. Aber wir benötigen auch eine große Portion Geduld, Gelassenheit und Durchsetzungsvermögen. Es ist einfach ein schönes Gefühl, wenn man einem Kind helfen kann, damit es im Schulalltag besser zurechtkommt.  Es erfüllt mich sehr, dass ich hier wirklich gebraucht werde.

IvK: Ist denn Ihre Hilfe für ein autistisches Kind ausreichend oder bekommt es noch andere Hilfsangebote?

BS: Es wird von einer Kinder- und Jugendpsychologin betreut. Zusätzlich macht es eine Ergotherapie und Neurofeedback. Ein soziales Kompetenztraining in einem Autismuszentrum wird aktuell beantragt.

Außerdem bekommt das Kind für die Bearbeitung von Klassenarbeiten extra Zeit und wir sitzen in einem anderen Zimmer, damit es sich in Ruhe konzentrieren kann und nicht von den anderen Kindern, die schneller fertig sind, abgelenkt wird. Aber die Hausaufgaben muss es genau wie die anderen erledigen und das ist gerade bei Aufgaben, bei denen man viel schreiben muss, sehr schwierig. Bei längeren Aufschrieben darf es auf dem Laptop von seinem Papa schreiben und ich klebe den Text dann am nächsten Tag in sein Heft ein. Vielleicht würde es helfen, wenn es seine Aufgaben in der Schule ebenfalls auf einem Computer erledigen dürfte. Im Sommer steht der Wechsel in die 5. Klasse an. Dort werden Stundenplan und Arbeitsaufwand um einiges umfangreicher sein. Das ist eine sehr große Herausforderung, die uns da erwartet. Aber auch das werden wir zusammen meistern. Da bin ich sehr zuversichtlich.

IvK: Wie lief denn die Schulbegleitung in den letzten Wochen – in Coronazeiten?

BS: Glücklicherweise konnte „mein“ Begleitkind in der Mozartschule immer durchgehend in die Notbetreuung gehen. Das war für uns wirklich eine gute Zeit. Es waren weniger Kinder im Klassenzimmer und es konnte den Lernstoff in seinem eigenen Tempo erarbeiten. Ihm wurde dadurch viel Druck genommen. Aber insgesamt wünsche ich mir natürlich für alle Kinder bald endlich wieder einen normalen Schulalltag.

IvK: Glauben Sie, dass das Angebot der Schulbegleitung weitreichend bekannt ist?

BS: Oh nein, ganz bestimmt nicht. Die Schulbegleitung wird nur genehmigt, wenn es eine Diagnose bzw. ein Gutachten bezüglich der Verhaltensauffälligkeiten des Kindes gibt. Das ist für die Eltern ein langer Weg mit sehr vielen Formularen und Anträgen, die auszufüllen sind. Da gibt es verschiedene Varianten. Letztendlich aber geht es darum, dass jedes Kind das Recht auf Bildung hat und möglichst am Regelunterricht teilnehmen soll. Manche Eltern machen sich Sorgen, wenn sich ihr Kind schon im Kindergarten auffällig verhält. Lange wird dann versucht, das allein in den Griff zu bekommen. Wenn alle Beteiligten, die mit der Erziehung eines Kindes beschäftigt sind, sich rechtzeitig gut austauschen, kann eine Erkrankung früh festgestellt werden und das betroffene Kind in seiner weiteren Entwicklung gefördert werden. Das würde auch die Familien entlasten. Aber die Angst, dass das eigene Kind tatsächlich krank ist und therapeutische Hilfe braucht, ist bestimmt groß. Das kann ich als Mutter gut verstehen.

IvK: Können Sie zum Schluss Ihr Verhältnis in wenigen Worten beschreiben?

BS: Wir sind ein gutes Team, an guten und an schlechten Tagen. Ich freue mich über jedes Lächeln, das ich bekomme und ich bin stolz, dass ich sogar zum Geburtstag eingeladen wurde. Wir vertrauen uns und ich freue mich darauf, wenn ich das Kind auch in der fünften Klasse begleiten darf. Wir sind wirklich „ziemlich beste Freunde“.

IvK: Vielen Dank, Frau Sauerbier, für dieses offene Gespräch über Ihre Arbeit als Schulbegleiterin.

 

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