Marcel Macho / Amanda Grigoleit,
Inklusion an Schulen - Interview mit Rektorin Daniela Maschka-Dengler Erster Teil

Wie sieht Inklusion an Schulen aus?

Um mehr über das Thema Inklusion und Bildung zu erfahren haben wir Frau Maschka – Dengler befragt. Sie ist Rektorin an der Friedensschule in Schwäbisch Gmünd, an welcher Inklusion zur Gestaltung des Schulalltags gehört. Von ihr haben wir erfahren wie inklusiver Unterricht aussieht und wie Inklusion an der Schule gelebt wird.

Herr Macho: Was sollten Eltern bei der Wahl zwischen Sonder- und Regelschule beachten?

Frau Maschka - Dengler: Eltern muss klar sein, wenn sie ein Kind haben mit sonderpädagogischen Förderbedarf, dass es in der Regelschule weniger Zuwendung und weniger Stunden für das Kind gibt. Das muss einfach transportiert werden. Eltern müssen wissen, dass es diesen Schutzraum und diese Schonhaltung den es in einer Fördereinrichtung hat, natürlich so nicht gibt. Wenn man diese Dinge geklärt hat, kann man mit den Eltern ins Gespräch kommen. Es geht dabei um Offenheit und Transparenz. Den Eltern muss dabei in einem Gespräch erklärt werden wo die Vor- und Nachteile der beiden Schularten liegen. Wir führen Bildungswegekonferenzen durch, da sitzt dann ein/e Kollege/in von der Fördereinrichtung und ich. Wir nennen von beiden Schularten die Vor- und die Nachteile. Denn es gibt bei beiden Nachteile und starke Vorteile, denen man sich bewusst sein muss. Am besten erklärt man einfach und verständlich den Eltern die Lage, da kann komplizierte Sprache manchmal hinderlich sein. Wichtig ist auch, dass man den Eltern mitteilt, dass Sie immer den Weg haben entweder von der Förderschule in die Regelschule zu wechseln oder den Weg auch wieder zurück von der Regelschule in die Fördereinrichtung, wenn man sieht das Kind entwickelt sich an der anderen Schule besser. Wichtig ist gegenseitiges Vertrauen, also die Eltern gegenüber der Einrichtung und umgekehrt. Eltern sagen aus ihrer Sicht immer ihre Sichtweise und damit die Wahrheit über ihr Kind. Das muss man akzeptieren und da muss man die Form finden, das zu übermitteln, wenn man selbst eine andere Wahrnehmung hat. Jede Meinung ist in Ordnung. Das hat mit Wertschätzung seines Gegenübers zu tun.

Herr Macho: Wie funktioniert die Beratung an der Friedensschule für Eltern mit Kindern mit Behinderung?

Frau Maschka - Dengler: Die Beratung ist immer so, dass das Gespräch ohne die Kinder stattfindet. Es findet manchmal auch mit Unterstützung mit einer anderen familiennahen Person statt z. B. entweder einer Familienhilfe oder einer Person aus der Verwandtschaft. Man muss sich Zeit nehmen, die Gesprächsdauer ist immer unterschiedlich. Ganz wichtig ist, man braucht Zeit für Gespräche. Wenn das Kind zu uns in die Schule kommt ist die Sonderpädagogin beim zweiten Gespräch dabei. Wir haben eine feste Sonderpädagogin bei uns an der Schule und weitere Teilzeitkräfte.

Frau Grigoleit: Wieso empfehlen Sie, dass eine Vertrauensperson zum Gespräch dazukommt?

Frau Maschka - Dengler: Manche Eltern brauchen eine Unterstützung für ihre Sichtweise. Das hilft den Eltern und gibt ihnen Sicherheit. Dadurch können sie auch eher mal in ein Konfliktgespräch mit mir eingehen. Dann haben sie auch den Mut mir den Kopf zu waschen, das ist aber auch in Ordnung.

Herr Macho: Wie wird inklusiver Unterricht gestaltet?

Frau Maschka - Dengler: Einmal sind die die Kinder im Klassenverband und dann sind die Kinder einige Stunden separat als Gruppe. Früher war es so, dass immer alles mit der Klasse gemacht wurde und dann hat sich gezeigt, dass das eine Überforderung für die Kinder war. Man kann sich ihnen dann nicht so zuwenden. Jetzt ist es so, wenn Sie in der separaten Gruppe sind, das sind pro Woche ca. 3 – 4 Stunden, dann kriegen Sie die Sicherheit, die sie brauchen um im Regelunterricht gut mitmachen zu können. Dort haben sie Ihre Lernaufgaben z. B. im Bereich Geschichte, dann sind sie eingeführt und haben aus Ihrer geschützten Gruppe den Überblick um was es dabei geht. In den Gruppen kann man sich viel Zeit nehmen. Aus den Kleingruppen heraus haben sie eigene Texte, an denen sie arbeiten können. Die Kinder haben dann die selben Themen aber z. B. eine vereinfachte Frageform. Als Beispiel in Deutsch hätte man Lernwörter das wären normalerweise 15 dann würde man hier die wichtigen 4 Wörter raussuchen, die man häufig braucht und die auch wichtig sind für das eigene Leben. Manchmal sind die Kinder auch im Grundniveau, wenn Ihnen ein Thema besonders liegt. Da wir eine Gemeinschaftsschule sind, haben wir vier Stufen: Haupt-, Real- und Gymnasialniveau und das L Niveau für Lernschwächen. Wenn ein Fach einem Kind besonders liegt, dann kann es auch auf dem Grundniveau weiterarbeiten. Der Sonderschullehrer hat immer im Blick was man dem Kind zutrauen kann und was nicht. Wenn ich in der Klasse 3 oder 4 Kinder mit einer Lernschwäche habe, die genauso verschieden sind wie die anderen 24, denen muss man dann gerecht werden. Das kann sein, dass ein Kind bei den Märchen z. B. im Grundniveau mitmachen kann und ein anderes Kind legt einfach nur zu einem Satz das passende Bild dazu. Das ist unterschiedlich.

Herr Macho: Welche Hilfsmittel gibt es für Kinder mit Behinderung an Regelschulen?

Frau Maschka - Dengler: Das ist ganz unterschiedlich, das kommt einfach auf das Handicap an. Manche haben ein Mikrofon um sich besser äußern zu können. Die anderen haben
z. B. ein Hörgerät zusätzlich und wiederum andere sind empfindlich auf Geräusche. In diesem Fall, haben die Kinder dann Kopfhörer zum Arbeiten. Wir sind auch digital sehr gut ausgestattet, die Kinder haben auch ihre iPads, wenn Sie diese bedienen können. Die Hilfsmittel sind individuell angepasst. Ab einer gewissen Unterstützung ist es für die Regelschulen nicht zu leisten den Kindern mit einem besonderen Handicap gute Unterstützung anbieten zu können.   Wir haben z. B. auch geistig behinderte Kinder. Diese Kinder kommen mit dem Angebot und der Ausstattung bei uns klar.  Aber in der Martinus Schule haben Sie für diese Kinder eine großartige vielfältige Ausstattung, die wir nicht bieten können. Deshalb muss immer darauf geachtet werden, dass die Schulumgebung zum Kind passt.

Herr Macho: Was sind die Vorteile vom inklusiven Unterricht?

Frau Maschka - Dengler: Die Vorteile sind eindeutig. Die Kinder können morgens sagen, sie gehen in die Friedensschule und nicht in die Sonderschule. Da fühlen sich Kinder dann eben nicht abgestempelt. Das ist glasklar das Hauptargument und der Hauptgrund für viele Eltern. So wünschen die Eltern z. T. auf Biegen und Brechen eine Regelschule für ihr Kind um dieser Stigmatisierung von außen zu entgehen. Aber man muss auch sagen eine Regelschule ist anregungsreicher, das heißt ganz nebenbei bekommen sie viel mehr mit. Dadurch sind die Kinder sehr gefordert in ihrem geistigen Mitdenken und das ist ein großer Vorteil. Da gibt es auch Messungen, dass Kinder die in einer Regelschule sind wesentlich mehr intellektuell von Ihrer Denkfähigkeit her profitieren, als wenn sie in der Einrichtung der Förderschule gewesen wären. Dadurch ist unsere Schule kunterbunt. Für mich ist es so normal, dass ich es teilweise manchmal vergesse Krankheitsvertretungslehrern Bescheid zu geben, wenn sich inklusive Kinder in der Klasse befinden. Das gestaltet auch den Umgang untereinander und die Kinder sind nicht außen vor. Die fühlen sich nicht an den Rand gedrängt und als Außenseiter. Sie haben auch Freunde und Freundinnen, die eben nicht in diesem Status der Inklusion sind. Das finde ich Teilhabe am Leben einfach prima umgesetzt.  Die Kinder sind bei uns auch in den Vollversammlungen und dem Schülerparlament vertreten. Es muss mindestens ein Schüler dabei sein, der Vertreter ist für die Kinder mit Handicap. Das ist ein Prozess der wichtig ist in der Demokratie, das hat mit Achtung der Menschenwürde und der Persönlichkeitsrechte zu tun.
Es ist auch für die anderen eine Bereicherung zu sehen, dass wir Menschen verschieden sind, in unseren Stärken und unseren Handicaps und Unvollkommenheiten. Ich glaube auch, dass daraus ein viel besseres Menschenbild entsteht. Das es mir nämlich egal ist, woran jemand glaubt ob er/sie glaubt oder welche Hautfarbe er/sie hat, wie man wie liebt, wie man was lebt…

Es ist also für beide Seiten ein Vorteil und ein Schatz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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